Sie kennen es vielleicht auch: Manchmal gibt es Dinge, dir wir erst dann bemerken, wenn sie nicht mehr funktionieren. Die kaputte Lampe; die kalt bleibende Heizung; das WLAN, das sich nicht verbindet – führen Sie die Liste gern beliebig fort. In diesen Momenten wird sichtbar, was für uns sonst in Verborgenen bleibt: die Systeme, die unsere Städte täglich am Laufen halten.
In der Regel nehmen wir die besondere Architektur bestimmter Gebäude wahr, oder die ausgeklügelte Grüngestaltung von Plätzen, Straßen und Quartieren. Wir hören Straßentrubel und Baulärm, reichen unterschiedlichste Gerüche und diskutieren über Quadratmeter und Nutzungsmischungen. All das planen, bauen und entwickeln wir. Und ja, all das ist Stadt, aber eben nur ein Teil von ihr. Unter, über und zwischen diesen sichtbaren Strukturen tun sich noch ganz andere Geschichten auf; nämlich die über Leitungen und Netze, Energie- und Datenströme, Mobilität und Logistik und auch solche, die sich mit Finanzierungsmodellen und bestimmten Abhängigkeiten beschäftigen. Auch diese Geschichten verbinden Orte miteinander, verschieben Kräfte und tragen maßgeblich dazu bei, wie gut eine Stadt funktioniert. Siehe oben: Oft bemerken wir sie erst dann, wenn sie fehlen oder nicht mehr funktionieren.
Insofern: Höchste Zeit, genauer hinzusehen! Erst recht, weil wir in einer immer komplexer werdenden Welt leben. Für unsere Städte bedeutet das: je vielseitiger sie werden, desto wichtiger wird das, was sie miteinander verbindet. Eine Stadt ist nicht nur die Summe ihrer Gebäude, sondern ein dynamisches Gefüge aus Beziehungen, Strömen und Infrastrukturen. Und sie lebt von Allianzen, die diese Verbindungen möglich machen: kommunale Akteur:innen, Politiker:innen, Entscheider aus Wirtschaft, Technologie und Energie, aus Architektur und Stadtplanung und letztlich den Menschen, die in einer Stadt leben und sie täglich erleben.
Werden wir uns dieser Allianzen bewusst, verändert sich auch unser Blick auf Stadtentwicklung: Mit der Planung eines Gebäudes verändern wir nicht nur einen Ort. Wir greifen in Netze ein, erzeugen Energie- und Verkehrsströme, verändern so die Nachfrage, schaffen neue Abhängigkeiten und eröffnen neue Möglichkeiten. Jede Entwicklung wirkt viel weiter, als ihre Grundstücksgrenzen vermuten lassen. Infolgedessen müssen wir uns immer die Frage stellen: Was bringt eine bestimmte Entscheidung alles in Bewegung?
Welche Infrastruktur braucht eine Stadt, damit sie langfristig funktioniert? Woher kommt die Energie? Wie fließen Daten-, Waren- und auch Menschenströme? Welche Netze sind robust genug – auch für etwaige Veränderungen? Wie souverän ist eine Kommune in der Verwaltung all dieser Themen? Und wie entsteht aus technischer Infrastruktur auch gesellschaftlicher Mehrwert? Ich bin mir sicher: Eine Stadt, die wortwörtlich „unterirdisch gut“ aufgestellt ist, kann auch über der Erde vieles besser möglich machen. Eine leistungsfähige Energie- und Dateninfrastruktur schafft z. B. größere Handlungsspielräume. Verlässliche Systeme schaffen Vertrauen, und gute Verbindungen sorgen für Flexibilität. Außerdem entsteht dort, wo Dinge gut funktionieren immer etwas, das sich schwer messen lässt: Lebensqualität.
Ich möchte Sie daher einladen, unsere Perspektive auf Stadt zu weiten und Stadt fortan vollständiger zu betrachten. Lassen Sie mich außerdem die These aufstellen, dass diese „unsichtbare Stücke Stadt“ in den kommenden Jahren zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden könnten. Denn je besser eine Stadt ihre Systeme versteht, desto flexibler kann sie auf Veränderungen reagieren. Und je harmonischer diese Systeme zusammenspielen, desto mehr kann eine Stadt ermöglichen. Insofern beginnt für mich die zukunftsfähige Stadt dort, wo unsere Aufmerksamkeit bislang geendet hat. Neuer Fokus bitte!